Die ärztliche Antwort auf die Frage, was den Tod eines Menschen ausmacht, hat sich im letzten Jahrhundert mindestens dreimal geändert. Ein Herzstillstand galt einst als endgültig, bis es gelang, das Herz wieder zum Schlagen zu bringen. Auch ein Atemstillstand galt einst als unumkehrbar, bis die künstliche Beatmung möglich wurde. Mit jedem medizinischen Fortschritt änderte sich damit auch, wer als tot galt. Menschen, die nach der früheren Definition für tot erklärt und bestattet worden wären, konnten nun das Spital lebend verlassen. Die Biostase knüpft an diese Beobachtung an: Wenn sich die Kriterien für den Tod immer wieder ändern, was sagen sie dann darüber aus, ob ein Mensch noch gerettet werden könnte?
Der Begriff «Tod» bezeichnet dabei kein einheitlich definiertes körperliches Ereignis. Nach dieser Auffassung gilt ein Mensch als tot, wenn die heutige Medizin ihm nicht mehr helfen kann. Um den Ansatz der Kryonik zu verstehen, muss man die verschiedenen Bedeutungen des Begriffs unterscheiden.
Was unter Tod verstanden wird
Dabei ist zwischen medizinischen und rechtlichen Kriterien sowie dem Konzept des informationstheoretischen Todes zu unterscheiden.
- Klinischer Tod bedeutet, dass Herzschlag und Atmung aussetzen. In den ersten Minuten ist eine Wiederbelebung noch möglich, je nach Situation auch mithilfe einer Defibrillation. Bei normaler Körpertemperatur beginnen Hirnzellen jedoch bereits nach rund fünf Minuten ohne Sauerstoff abzusterben.
- Rechtlicher Tod meint hier die ärztliche Feststellung des Todes nach den geltenden gesetzlichen Kriterien. Diese Feststellung ist eine rechtliche Voraussetzung für den Beginn kryonischer Massnahmen; sie bedeutet nicht, dass bereits sämtliche Zellen abgestorben sind.
- Biologischer Tod vollzieht sich nach und nach: Den Zellen fehlen zunehmend Sauerstoff und Energie, ihre Strukturen zerfallen, und die Verwesung setzt ein.
Die für die Kryonik entscheidende Definition
Die Kryonik legt eine andere Definition des Todes zugrunde. Nach dieser Auffassung ist ein Mensch weder durch einen Herzstillstand noch durch die ärztliche Feststellung seines Todes unwiederbringlich verloren. Entscheidend ist, ob die Information, die einen Menschen ausmacht, also die konkrete physische Struktur im Gehirn, die Erinnerung und Persönlichkeit trägt, unwiederbringlich zerstört ist. Dafür wird der Begriff «informationstheoretischer Tod» verwendet. Er setzt den unwiederbringlichen Verlust dieser Informationen voraus, während für die rechtliche Feststellung des Todes andere Kriterien gelten. Die Hoffnung ist, dass ein Mensch eines Tages wiederbelebt werden könnte, sofern diese Hirnstrukturen erhalten bleiben und sich mit künftigen medizinischen Verfahren entschlüsseln und reparieren liessen. Warum dieser Ansatz die Hirnstruktur als Massstab nimmt, erläutert der Artikel «Gedächtnis, Identität und das Gehirn».
Das Kryonik-Zeitfenster
Nach diesem Modell liegt zwischen der rechtlichen Feststellung des Todes und dem informationstheoretischen Tod ein Zeitfenster. Die Annahme ist, dass der informationstheoretische Tod erst nach der rechtlichen Feststellung des Todes eintritt und sich durch Kühlung des Körpers hinauszögern lässt. In diesem sogenannten Kryonik-Zeitfenster sollen die konservierenden Massnahmen stattfinden. Das Diagramm unten veranschaulicht den Ablauf. Sobald der Tod rechtlich festgestellt ist, beginnt das Bereitschaftsteam mit der Kühlung des Körpers und mit Massnahmen zur Unterstützung von Kreislauf und Atmung. Anschliessend ersetzt das Team das Blut durch eine Lösung mit Kryoprotektiva, um die Hirnstrukturen möglichst vor ihrem Zerfall zu bewahren. Diese Substanzen sollen verhindern, dass sich beim Abkühlen Eiskristalle im Gewebe bilden. Beim Abkühlen geht das Gewebe in einen stabilen, glasartigen Zustand über. Dieser Vorgang heisst Vitrifikation.

Ab der rechtlichen Feststellung des Todes zählt jede Minute: Je länger die Konservierung hinausgezögert wird, desto weiter schreitet der Zellzerfall fort und desto schlechter lässt sich das Gewebe erhalten. Aus Sicht der Kryonik würde das Verfahren idealerweise unmittelbar beim Herzstillstand beginnen, bevor weitere Schäden entstehen. Zunächst muss jedoch der Tod nach den gesetzlichen Kriterien festgestellt werden. Ziel ist deshalb, nach der Todesfeststellung möglichst rasch mit den Massnahmen zu beginnen.
Was diese Sichtweise für die Entscheidung bedeutet
Wer den Tod als unwiederbringlichen Verlust der im Gehirn gespeicherten Informationen versteht, beurteilt auch die Entscheidung für oder gegen Kryonik anders. Bei einer Erdbestattung oder Kremation werden die Hirnstrukturen unwiederbringlich zerstört; damit gehen auch die darin gespeicherten Informationen verloren. Die Kryokonservierung soll diese Informationen bewahren. Ob sich die entstandenen Schäden künftig beheben lassen, ist offen. Das Argument lautet: Auch ohne Gewissheit, dass eine Wiederbelebung gelingen könnte, wäre eine Chance grösser als null besser als eine Chance von exakt null.
Kurz gesagt: Die rechtliche Feststellung des Todes richtet sich nach den geltenden gesetzlichen Kriterien. Die Biostase soll die Hirnstrukturen bewahren, die Erinnerungen und Identität zugrunde liegen, bevor sie unwiederbringlich zerfallen.
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